Dez 172012
 

Auf Schalke spielen sich dieser Tage mal wieder Schalker Verhältnisse ab. Ein Jahrhunderttrainer wird gegangen. Die Fans prügeln und beschimpfen sich und die Mannschaft ergibt sich scheinbar ihrem Schicksal. Wie kann innerhalb von nur sechs Wochen von einer Bundesliga Topmannschaft mit gesundem Umfeld so ein Trümmerhaufen werden?

Um die Antwort auf die Frage vorweg zu nehmen: Ich weiß es nicht. Auch wenn es mir für Huub Stevens wirklich sehr sehr leid tut, war die Beurlaubung doch der richtige Schritt. Ob es auch der richtige Zeitpunkt war, werden wir morgen Abend erfahren. Denn geht das Spiel gegen Mainz ebenfalls in die Binsen, hätte man Stevens auch einen besseren Abgang in der Winterpause gönnen können. Der Trainer ist in so einer Situation immer das schwächste Glied. Das weiß auch Huub Stevens. Zwischen ihm und der Mannschaft hat es in den letzten Wochen anscheinend nicht mehr gestimmt. Das sah man in Leverkusen und auch bei so manch einer Auswechslung. Richtige Beweise gibt es für diese These allerdings nicht und ich hoffe, dass wir auf der nächsten Jahreshauptversammlung ein wenig mehr über die Umstände erfahren werden.

Doch nur weil der Trainer das schwächste Glied ist, muss nicht die ganze Schuld an der Situation an ihm hängen bleiben. Was die Mannschaft gegen Freiburg mal wieder für eine Einstellung auf den Platz gebracht hat, kann und darf man nicht nur mit fehlendem Selbstvertrauen abtun. Die Divenhaftigkeit eines Klaas Jan Huntelaar, die Reizbarkeit eines Jefferson Farfan, aber auch die eklatanten Fehler eines Joel Matip sind deutliche Anzeichen dafür, dass es nicht nur zwischen Trainer und Team, sondern auch innerhalb des Teams absolut nicht stimmt. Sicherlich ist Huub Stevens kein einfacher Trainer, doch alles, was nicht Felix Magath heißt, haben die Spieler so zu akzeptieren. Harter Hund hin oder her. Jeder Angestellte hat sich dem Führungsstil seines Chefs zu fügen. Und dieser Vergleich aus der echten Arbeitswelt gilt in diesem Fall auch ausnahmsweise mal für den Profifußball. Die Führungsetage täte gut daran, den Problemen innerhalb der Mannschaft auf den Grund zu gehen. Auch wenn das bedeutet, dass Leistungsträger in der Rückrunde zunächst keine Rolle spielen werden.

Kommen wir zur nächsten und meiner Meinung nach derzeit größten Baustelle auf Schalke: Die Probleme der Fans untereinander. Auf Schalke manifestiert sich anscheinend das Problem, das ganz Fußballdeutschland mit den Ultras und anderen aktiven Fangruppierungen hat, die sich nicht alles von oben vorsetzen lassen und bestehende Werte verteidigen. Eines vorweg: Ich bin kein Ultra, stehe der Idee der Ultrabewegung aber positiv gegenüber. Eines ist allerdings klar: Nicht jeder Fan kann und will Ultra sein. Trotzdem ist er deswegen nicht unbedingt ein besserer oder schlechterer Fan. Gerade den älteren Semestern, die sich Woche für Woche auf den Fußballplätzen der Republik tummeln, sind die Ultras mittlerweile ein Dorn im Auge. Zunächst ist es für sie ungewöhnlich, dass da eine Gruppe ist, die mit durchgängigem Support auch bei einem 0:4 Rückstand hinter der Mannschaft und dem Verein steht. Vor den Ultras wurde bei so einem Spielstand auf gut deutsch “die Schnauze gehalten”. Dieses Verhalten der Ultras, die mit ihrer akustischen Überlegenheit (auch durch die Megafone) die Kurve im Griff haben, findet nicht jeder gut. So manch einer fühlt sich da auch vielleicht ein wenig bevormundet, weil es normalerweise die Ultrabewegungen sind, die sich als erster Kritisch äußern, wenn es um Kartenpreise, Sicherheitspapiere oder sonstige Belange im Bezug auf die Fankultur geht.

Meiner Meinung haben die Ultras hier ein hausgemachtes Problem, denn sie haben sich über Jahre hinweg ihren Platz in der Fanszene erkämpfen müssen. Gleiches gilt für die Akzeptanz des Vereins als mündiger Gesprächspartner. Und seit wenigen Jahren drängen die Ultras nunmal auch in die (mediale) Öffentlichkeit. Teils selbst gewollt (Legalisierung von Pyro), teils durch Vorurteile der Medien (Stadionverbote, Hooliganismus, Gewalt). Als Teil der Fankultur ist es aber notwendig, den Dialog zu suchen und auch mit den “normalen” Fans zu kommunizieren. Denn die Meinung vieler Fans über die Ultras wird nunmal nicht im Stadion (nur ein kleiner Teil von Fans besucht wirklich regelmäßig Spiele), sondern innerhalb der Medien geformt und beeinflusst. Die Ultrabewegung muss meiner Meinung nach viel mehr Aufklärungsarbeit leisten, was sie neben dem Platz für durchaus nennenswerte Aktionen betriebt und vor allem: Warum! Kaum ein Fan weiß, dass die Ultras GE sich regelmäßig für gemeinnützige Zwecke einsetzen, dass sie die Glück Auf Kampfbahn pflegen, um die Geschichte des Klubs auch für spätere Generationen erlebbar machen. Von dem ganzen Aufwand einer atemberaubenden Choreo ganz abgesehen.

Mannschaft, Vorstand, Fans und Ultras! Wir alle sollten uns an die eigene Nase packen, einen Moment inne halten und uns darauf besinnen, worum es geht: Um den Verein, um den sportlichen Erfolg und um tausend Freunde, die zusammen steh’n!

 Posted by on 17. Dezember 2012 at 11:28

  8 Responses to “An die eigene Nase fassen”

  1. Sehr guter Kommentar!
    Gegen Mainz müssen all diese Dinge zunächst in der Hintergrund rücken.
    Die Aufarbeitung der Probleme innerhalb der Fanszene muss und wird kommen.
    Ich hoffe, wir schaffen es nun unsere Kräfte zu bündeln und gemeinsam mit der Mannschaft in die
    nächste Runde des Pokalwettbewerbs einzuziehen.
    BWG aus Köln

  2. Ein guter Beitrag.

    Durchaus richtig, aber eine vermeintliche begriffliche Kleinigkeit zielt voll daneben: Ich finde die Bezeichnung Support für den Dauer-Singsang der Ultras nicht angemessen. Hier wird Support, gerne auch von den Gruppen selbst als bedingungslose Unterstützung bezeichnet, mit dem eigenen Abfeiern oder einer Selbstdarstellung der Gruppe im Schwanzvergleich mit rivalisierenden Gruppierungen anderer Vereine vermischt mit dem eigentlichen Support: der Unterstützung der eigenen Mannschaft, die immer abhängig sein muss vom Spielgeschehen auf dem Rasen oder – die Königsdisziplin – in Phasen, in denen es schlecht läuft, der Mannschaft wieder Auftrieb gibt. (das ursprüngliche “Steht auf, wenn ihr Schalker seid”)

    Bin gespannt auf die Atmospähre morgen.

    Glück auf!

    • Ich sehe darin schon einen gewissen Support. Was mir allerdings seit Jahren fehlt: Das Abfeiern einzelner bei guten (oder halt nicht so guten) Aktionen.
      Zum Beispiel hätte Joel Matip am Samstag ein paar aufmunternde Sprechchöre sehr sehr gut gebrauchen können.

  3. Wow !!!
    Ich habe lange überlegt wie ich meinen Blogtext zu diesem Thema schreiben soll und ich muss sagen nachdem ich deinen gelesen habe erspar ich mir jeden weiteren Buchstaben.
    Jeder hat seine Ansicht vom Fussballerlebnis Schalke und auch seine eigene Art dies kundzutun oder zu unterstützen . Ob Ultra oder Opa, ob Sitzer oder Stehen wir alle lieben diesen Verein nur jeder äußert dies jeder auf seine Art. Prügel und Pfiffe untereinander helfen keinem und stärken dir Gegner.

    Danke für diesen tollen Beitrag.

  4. sehr guter text! kann ich so nur unterschreiben!

    ich bin auch alles andere als ein ultra-gegner, finde vieles sehr gut was sie auf die beine stellen, aber am samstag das war schon starker tobak.nicht deren schweigen und auch nicht die “peters raus” rufe waren für mich der stein des anstosses, sondern vielmehr das geschlossene mittelfinger-zeigen nach den pfiffen gegen die eigene gruppe und der höhnische applaus. ich habe daraufhin am gestrigen sonntag eine mail an die uge geschrieben und meinen unmut kundgetan. heute bekam ich eine antwort in der serkan, stellvertretend für die uge, versucht hat die dinge einzuordnen. es wurde betont dass sie selber erschrocken waren von der entwicklung die das ganze am samstag genommen hat und das so auch keinesfalls erwartet oder gewollt haben. er hat beteuert dass es alles andere als deren ziel ist, das stadion zu spalten. er hat auch richtigerweise angemerkt, dass man ebenfalls gucken muss was genau von der gruppe uge ausging oder nur aus deren umfeld. zudem stellte er fest, dass die uge genauso wie jeder andere das recht hat seine meinung zu themen zu äußern, auch wenn es vielen anderen fans in der arena nicht passt. es wurde aber ganz klar gesagt, dass auch sie am samstag große fehler gemacht haben und das ganze in der winterpause aufarbeiten wollen, um die probleme wieder in den griff zu bekommen. ich bin jedenfalls froh dass die uge auch selbstkritisch mit dem thema umgeht und hoffe dass die kurve bald wieder mit einheitlicher stimme das team unterstützt.

    das man sich wegen unterschiedlicher meinungen gegenseitig beleidigt und sogar körperlich angeht, ist meiner meinung nach jedenfalls ein unding und hier gilt ganz besonders “an die eigene nase fassen”

    • Schön, so ein Feedback von den Ultras zu bekommen. Sehr viel Kontakt hatte ich bisher zu denen auch nicht. Allerdings kam mir auch nie jemand “quer” oder “von oben herab”. Von daher bin ich, was die Ultras GE angeht, komplett vorurteilsfrei.
      Ich bin gespannt, was da noch in der Winterpause kommt.

  5. @TobiTatze: Das mit dem 0-4 und Schnauze halten stimmt vielleicht bei Heimspielen, auswärts hat man sich in den Neunzigern (früher war ich noch nicht dabei) aber auch ganz gerne bei Rückständen gefeiert. Seinerzeit war es aber weniger Ritual, sondern eher spontan.
    Zur aktuellen Situation: Ich hoffe auch, dass sich das klärt. Ein bisschen weniger “spielunabhängiger Support” und ein bisschen mehr gegenseitiger Respekt wären eine gute Sache. Vielleicht findet sich ja irgendein Forum (im Offline-Sinn), in dem alle Fans über die Entwicklungen der Fankultur diskutieren können.

  6. Klasse Beitrag! Da ich am Samstag nicht im Stadion dabei war und auch sonst bis auf Ticker und Twitter nix mitbekommen habe, halte ich mich bzgl. eines Urteils zu den Geschehnissen zurück. Aber an die eigene Nase fassen hat auf jeden Fall noch nie geschadet! ;)

    P.S.: Will nicht klugscheißen oder den Oberlehrer spielen, aber fehlt im letzten Satz nicht ein “Erfolg” hinter sportlichen?

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