Dez 122011
 

Heute ist ein spiritueller Tag. Aber Schalke ist bekanntlich eine Religion und eines der größten religiösen Weltzentren neben Gelsenkirchen ist nun einmal Jerusalem. Daher machte ich mich heute auf in diese Wahnsinnsstadt, die mich im vergangenen Jahr so geflashed hat wie es selten eine Stadt vermochte. Also mit dem Sammeltaxi zum Busbahnhof und von dort mit dem Überlandbus rüber nach Jerusalem. Das Kinderspiel “Reise nach Jerusalem” stammt übrigens vom hiesigen Busbahnhof, denn bevor die Musik ausgeht, sollte man den letzten Platz im überfüllten Bus erhascht haben. Sonst gibt’s aber nichts zu meckern. Die Busse sind bequem, günstig, fahren im dichten 20-Minuten-Takt ohne Zwischenhalt und haben freies WLAN an Bord. Vorbildlich.

Tommes04 an der Klagemauer

tommes04 vor der Klagemauer

In Jerusalem ging’s aber nicht direkt in die “Old Town” zur Klagemauer, sondern zunächst in den arabischen Osten Jerusalems. Dort schnappte ich mir ein Sammeltaxi zur palästinensischen Grenze. Kurz vor Weihnachten sollte es zur Geburtsstätte Jesus gehen, also nach Bethlehem. Zuvor gilt es jedoch eine Grenze zu überwinden. Gegen die Mauer zwischen Israel und der West Bank war die Berliner Mauer ein Fliegenschiß. Die Ausreise nach Palästina funktionierte zwar problemlos, die Einreiseprozedur gleicht der Sicherheitskontrolle eines Flughafens, mit Passkontrolle und Gepäckscreening. Bestimmte Personen werden nach Aussehen wesentlich schärfer kontrolliert als andere, das gilt übrigens auch für die vor jedem Shopping Center, Busbahnhof oder Kino durchgeführten Durchsuchungen. Vor jeder größeren Menschenansammlung steht Securitypersonal. Und zwar nicht der Weckdienst Wachdienst Bremen, sondern ernsthafte Kontrolleure. Man spürt förmlich die Angst vor dem nächsten Selbstmordattentäter, drum geht der Scanner stets dahin, wo der Sprengstoffgürtel vermeintlich sitzt. Zum Glück geschah schon lange kein schlimmer Selbstmordanschlag mehr von diesen Arschlöchern, die im Himmel die 77 oder wie viel auch immer Jungfrauen erwarten. Ich hoffe ja, dass die nicht von den Jungfrauen, sondern von Typen wie Freddie Mercury erwartet werden. Aber lassen wir die Politik…

In Bethlehem dann mit dem Taxi zur Geburtskirche und da war sie dann auch: Die vermeintliche Stelle der Geburt Jesu. Grkennzeichnet durch einen 14-zackigen Stern, den Stern von Betlehem. Ergreifend. Daneben gab es mehrere -sagt man so?- Kirchenschiffe der verschiedenen Fraktionen des Christentums. Ich hatte das Glück und gelangte zufällig zu einer armenischen oder griechisch-orthodoxen Zeremonie, die ich auch aufnehmen konnte.

Stern von Bethlehem

vermeintliche Geburtsstelle Jesu

Dann sollte es aber mit dem Taxi rasch zurück zum Checkpoint und von dort wieder nach Jerusalem gehen. Hinein ins Zentrum der Weltreligionen, wo verschiedenste christliche Gemeinden neben der muslimischen Al-Aqsa-Moschee neben dem jüdischen Zentrum auf engstem Raum nebeneinander leben. In der “Old Town” sieht man auf einem Gebiet von vielleicht zwei mal zwei Kilometern alle Viertel der verschiedenen Gläubigen, dazu unzählige arabische Händler mit dem üblichen bunten Billigschnickschnack, den kein Mensch braucht. Es ist traurig, dass in der Old Town ausgerechnet der Zugang zum jüdischen Viertel schwer bewaffnet kontrolliert werden muss. Aber lassen wir die Politik…

An der Klagemauer angekommen. Gestern bei twitter forderte ich in meinem Amt als Schalker Optimismusbeauftragter zur Abgabe von Wünschen auf, die ich dort geltend machen könnte. Das waren dann der kurzfristige Gewinn der Meisterschaft und die Aberkennung der Promotion und Approbation von Dr. Markus Merk. Letzterer Wunsch widerspricht leider dem jüdischen Recht, welches Neid und Mißgunst (vgl. Udo Lattek) verbietet. Daher machte ich in unser aller Namen lediglich den Meisterschaftswunsch geltend.

Heute war also ein schöner Tag. Heute vor 3 Jahren war hingegen ein für mich schrecklicher Tag. Heute ist der dritte Todestag meines Vaters. In unserem letzten Gespräch -und ich wußte, es war das letzte- schimpfte er noch über die Schalker Leistung am Wochenendspieltag. Dann verliess ihn im Gespräch die Kraft. Seine letzten Worte zu mir handelten also tatsächlich von Schalke. Alles Gute, Papa. Du hast alle Meisterschaften erlebt und die letzte auch schwer gefeiert. Das mach ich Dir demnächst nach. Dafür habe ich heute zumindest spirituell den Grundstein gelegt.
 

 Posted by on 12. Dezember 2011 at 21:14

  10 Responses to “Wünsch Dir was!”

  1. Ich bin zwar überzeugter Katholik, trotzdem habe ich mit Weihnachten wenig im Sinn.
    Deinen Beitrag fnde ich wirklich toll, weil du in deinen Zeilen viel, sehr viel an Emotionen
    und Nachdenklichkeit herüberbringst. Es soll nicht despektierlich klingen aber fast schon
    ein Wort zum Sonntag. Glück auf !

  2. Wenn es die Klagemauer nicht richten kann, wer denn dann sonst? Raúl? Huntelaar?
    Sollte das tatsächlich klappen mit der Meisterschaft, dann bekommst du den “Optimismusbeauftragter”- Orden von einem besoffenen Skandy auf die Haut tättowiert. Den genauen Ort darfst du aber bestimmen. :D

  3. Hab dich lieb… Wie immer!

  4. Klasse Beitrag!

  5. Um deine Reise beneide ich dich ein bisschen. Um dieses Gespräch, im Wissen, es werde das letzte sein, beneide ich dich sehr. Und das hat nichts mit Schalke zu tun.

  6. Was hast Du gegen Freddy Mercury?

  7. Gegen Freddie Mercury? Gar nichts. Im Gegenteil. Und “Typ” ist hier positiv konnotiert. Der -vielleicht mißverständliche- Satz ist als Spitze gegen die Homophobie der Attentäter zu verstehen..

  8. Aktion “Bunter Sprengstoff”: Sportblogger gegen homophobe Selbstmordattentäter! :D

  9. Versteh ich nicht.
    Du wünscht den Attentäter also Leute an den Hals, die Du selber als positiv bezeichnest. Soll das jetzt eine Belohnung oder eine Bestrafung werden?
    Warum sollte sich Mercury nach seinem Tod mit solchen Idioten abgeben mussen? Das hat er IMHO nicht verdient.
    Nur weil er schwul ist geht er bei dir als Bestrafung für andere Homophobe durch?

  10. Er wird rein semantisch als Gegenpol zum bösen Terroristen verwendet. Von Bestrafung ist doch keine Rede. Dass Mercury die Pfeifen nicht verdient hätte, ist doch klar.

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