Nov 042011
 

Diese These wird wenige überraschen und viele werden ihr zustimmen, selbst wenn man derzeit auf Platz 2 der Bundesligatabelle steht. Die diskussionswürdige Frage schließt sich an diese These an: Warum ist der FC Schalke 04 im Herbst des Jahres 2011 kein Spitzenteam?

An der Qualität der Spieler liegt es nicht. Selbst wenn Huub Stevens gestern seine besten Pferdchen im Stall ließ, war die Mannschaft nominell um Klassen besser aufgestellt als der Gegner. Warum Larnaka über weite Strecken des Spiels mindestens ebenbürtig war und unbestritten die besseren Torchancen hatte ist schwer zu erklären.
Eines steht für mich jedoch fest: Der FC Schalke hat nicht das Selbstverständnis eines Spitzenteams. Als leuchtendes Beispiel und zum Vergleich muss leider der FC Bayern herhalten. Hier auch zunächst einmal wieder der personelle Vergleich: Natürlich hat der Rekordmeister die höhere Qualität im Kader. Ein allzu großer Klassenunterschied ist aber bei weitem nicht auszumachen. Was die Bayern vom Rest Europas (Barcelona und Madrid ausgeschlossen) und somit auch vom FC Schalke unterscheidet, ist ihr auftreten im ersten Drittel des Spiels. Schon ganz früh in der Partie machen sie dem Gegner klar, dass es an diesem Abend nichts zu holen gibt bzw. die Chance darauf mit Schweiß, Blut und Tränen erarbeitet werden muss. Daraus resultieren diese ständigen frühen Treffer der Bayern, die das Spiel quasi schon entscheiden, bevor es richtig begonnen hat. Denn nach so einem Treffer lässt sich so ein Spiel viel einfacher kontrollieren. Diese Erfahrung hat der FC Schalke bei seinem Gastspiel auf Zypern gemacht. Wäre die Mannschaft gestern mit eben dieser Geilheit auf das erste Tor in der Anfangsphase in das Spiel gegangen, die Zuschauer hätten zumindest einen ruhigen Fußballabend erlebt. Ich lehne mich sogar soweit aus dem Fenster, dass sie sehr gute Chancen auf ein Fußballfest gehabt hätten. Denn Larnaka wirkte schon im Hinspiel nicht besonders standfest und wackelte nach den schnell aufeinander folgenden Treffern wie ein angeschlagener Schwergewichtsboxer in der 9. Runde.

Doch die Geilheit fehlte. Man machte nicht von Beginn an deutlich, dass man hier Herr im Haus ist und dass Zwergenaufstände in Gelsenkirchen nicht geduldet werden. Stattdessen baute man den Gegner auf, indem man sich wenig bewegte, kaum Durchschlagskraft bewies und die Kreativität ausschließlich auf die Schultern eines 18 Jahre alten Julian Draxler hiefte. Dieses Unentschieden fühlt sich nicht nur wie eine Niederlage an, sie war es auch, wenn man auf die Tabelle der Gruppe J der Europa League schaut. Anstatt sich eine komfortable Ausgangssituation zu schaffen, machte man die Gruppe wieder unnötig spannend. Dass es keine tatsächliche Niederlage wurde, lag vor allem an Lars Unnerstall, der mich vor allem deswegen immer wieder verblüfft, weil er eine unglaubliche Ruhe ausstrahlt. Ich ertappte mich zum Ende der Begegnung dabei, als ich mich schon schon längst damit abgefunden hatte, dass Königsblau kein Tor schießen wird, das Karma der Unüberwindbarkeit auch bei Lars Unnerstall zu spüren. Dieses Gefühl befiel mich sonst nur bei Manuel Neuer an seinen Weltklassetagen wie gegen Porto oder im Hinspiel gegen Manchester United. Bitte versteht mich nicht falsch: Ein Vergleich auf Augenhöhe von Manuel Neuer und Lars Unnerstall ist unangebracht und töricht. Das Gefühl beschlich mich trotzdem und es fühlte sich gut an. Nicht mehr und nicht weniger.

Am Sonntag geht die Bundesliga für Schalke in Hannover weiter. Voraussichtlich ohne Klaas-Jan Huntelaar, der sich bei einem unglücklichen Zusammenprall mit Joel Matip die Nase wohl gleich doppelt gebrochen hat. Trotzdem gehe ich optimistisch in diese Partie, denn wenn der FC Schalke bisher eines bewiesen hat in dieser Saison, dann ist es die Fähigkeit, sich der spielerischen Qualität des Gegners anzupassen. Nur Ausnahmen wie die Partie in Larnaka und das Heimspiel gegen den FC Bayern bestätigen hier die Regel. Auch dies ist ein sicherer Indikator dafür, dass der FC Schalke 04 in der Saison 2011/12 bisher noch kein Spitzenteam ist.

 Posted by on 4. November 2011 at 11:51

  8 Responses to “Der FC Schalke 04 ist kein Spitzenteam”

  1. Du machst Dir das m.E. zu einfach. Wenn nur die Geilheit fehlen würde, wenn es stets nur an der Einstellung liegen würde, man bräuchte nur einen Heißmacher und alles wäre geritzt. Da will ich mal Jupp Heynckes zitieren, damals in einem Interview mit einem Gladbach-Magazin, der sagte, dass “Wir wollen Euch kämpfen sehen” die falsche Forderung wäre, dass es immer heißen müsse “Wir wollen Euch spielen sehen”, weil eben alle immer kämpfen würden, auch die Verlierer.

    Natürlich fehlt es auch an Qualität bei den Spielern. Wenn Du schon mit Bayern München vergleichst, vergleiche doch mal die 6er-Position. Was die Defensivaufgaben angeht ist Schalke mit Jones dort prima besetzt. Was aber die Gestaltung des Spiels angeht ist München mit Schweinsteiger und Gustavo eine Klasse besser. Auf den Außenverteidigerpositionen sind es eher zwei Klassen.

    Hinzu kommt die taktische Ausrichtung. Schalke reagiert. Muss man agieren, wirds schwer. Tief stehen, Bälle gewinnen, überfallartig nach vorne, Räume nutzen, so ist das Spiel ausgerichtet und erfolgreich. Das ist dann auch schön anzuschauen, schnell, Chancen herausspielend, offensiv. Dann profitiert man von der Klasse der Einzelspieler wie Farfan, Draxler, Huntelaar und Raul, wenn man es schafft sie in 1:1 Situationen zu bringen.

    Sobald der Gegner vornehmlich defensiv steht und es schafft, im eigenen Rückraum Überzahlen zu schaffen, wird es für Schalke sehr schwierig. Dann ist vieles ziemlich statisch, dann fehlen die Ideen, dann ist man auf Geistesblitze von Raul oder auf eine gelungene 1 gegen 3 Aktion von Farfan angewiesen. Schalke hat diese Helden vorne, da geht immer mal was. Aber dass da viel geplant kreiert wird, dass man einen nur reagierenden Gegner geplant seziert, wie man es sich im Training ausgedacht und geübt hat, sowas sehen wir nicht. Deshalb ist Schalke kein Spitzenteam. Leider lässt sich das auch nicht so leicht von jetzt auf gleich ändern.

    • Richtig, unser Spiel ist in erster Linie auf Konter ausgerichtet, und dass man einen Gegner wie Larnaka nicht auskontern kann, ist nur logisch. Dann fehlen auch natürlich die einstudierten Mechanismen wie sie die europäischen Topteams im Schlaf beherrschen.

      Was allerdings gefehlt hat gestern, und da geb ich Tobi Recht, ist einfach der Zug zum Tor, der unbedingte Wille die Kirsche rein zu knallen. Draxler war einige male in Schussposition, Moravek auch mal und Jurado ebenfalls. In jeder Situation wurde dann quer gepasst oder weiter gelaufen.

      Also grundsätzlich, ja natürlich sind wir kein Spitzenteam, aber uns hätte gestern – so find ich – einfach die “Geilheit” aufs Tore machen gereicht für ein ansehnliches Spiel und vermutlich auch 3 Punkte.
      Dennoch, bloß kein Vorwurf an die 3 oben genannten. Das sind alle 3 junge Typen die technisch Klasse sind, aber niemals Leute die das Spiel von sich aus in die Hand nehmen könnten. Eventuell in 5-10 Jahren, aber nicht Draxler als 18 Jähriger.

      • Es geht nicht darum, Zug zum Tor zu fordern oder zum Tor ziehen zu wollen, sondern um die Frage, wie man gegen welchen wie spielenden Gegner dort hinkommt. Es ist m.E. nach falsch, zu glauben, Schalke wollte kein schnelles Tor erzielen, gestern oder gegen den KSC. Doch, sie wollten, aber die Krux ist, dass sie keinen Plan hatten, wie sie sich zu den Gelegenheiten bringen konnten.

        Das Spiel in Larnaka war mit den ersten Tor gegessen, und dieses fiel aus einer Einzelaktion Holtbys heraus. Das 1:0 gegen den KSC war das Ergebnis einer Standardsituation. Mit emotionaler Einstellung zur Sache hat das m.E. sehr wenig zu tun.

    • Ich würde diese “Geilheit” nicht mit “Kämpfen” vergleichen. Natürlich spielt das auch mit rein, aber mir geht es da um Kontrolle, um die Intelligenz dem Gegner in den entscheidenden Situationen deutlich zu machen: “Du holst hier heute Abend nix!”
      Dafür muss man nicht jedes Spiel 90 Minuten lang dominieren, wie es der FC Bayern derzeit meistens schafft.
      Es geht um die Dominanz bei Spielen, wo es möglich ist. Wie die beiden Partien gegen Larnaka (einmal haben wir es ja geschafft) oder gegen den KSC.
      Vergleicht man die Pokalpartien der Bayern (Ingolstadt) und Schalke (KSC) dann wird mehr als deutlich, was ich meine. Der FC Bayern hat von der ersten Minute an die Ingolstädter nicht ins Spiel kommen lassen (ob die überhaupt richtig ins Spiel wollten sei mal dahin gestellt). Schalke hat sich, anstatt die spielerische Überlegenheit von der ersten Minute an auszuspielen, direkt auf einem ähnlich niedrigem Niveau wie sein Gegner begeben.
      Ich verlange so etwas nicht jedes Spiel von dieser Mannschaft. Aber in solchen Spielen, wo man klarer Favorit ist, muss man einfach auch mal seine spielerischen Vorteile nutzen, indem man schnell deutlich macht, wer der Herr im Haus ist. Am besten mit einem frühen Tor.

  2. Erinnere dich zurück an die ersten 10 Minuten des gestrigen Spiels und blende den Rest aus. Nach 10 Minuten sah es so aus, dass Schalke nach Belieben über die Flügel in die Mitte spazieren konnte. In den ersten zwei, drei Situationen von Draxler ließ dieser seinen Gegenspieler wie einen Wischmob stehen. Allerdings – und das mache ich der Mannschaft zum Vorwurf, weil es gestern nicht zum ersten Mal zu beobachten war – in diesen ersten 10 Minuten gab es keinen einzigen ernsthaften Abschluss. Stattdessen versuchte man beim Stand von 0:0 mit Hacke, Spitze, 1-2-3 den Gegner vorzuführen, legte noch einmal ab, noch einmal quer, spielte noch einmal den Pass zum gar nicht einmal sonderlich besser postierten Mitspieler im Strafraum etc. Da muss ich leider Jürgen Klopp zitieren, der am Dienstag sagte: “Wer nicht auf das Tor schießt, kann keine Tore schießen.”

    Schalke verweigerte gestern konsequent den klaren Ball. Es gab einen einzigen gerade gespielten Steilpass auf Hunterlaar (so um die 35. Minute herum). Ansonsten wurde immer noch einmal hintenrum und seitwärts gespielt. Schalke hat den Gegner bis weit in die zweite Halbzeit hinein nicht als Gegner akzeptiert. Es war, als spielte man gegen das ERGO-Nationalteam. Es ging nicht darum, ein Tor zu schießen, sondern ein besonders schönes Tor zu erzielen. Ich sagte zu meinem Stehplatzmachbarn in Block K nach eben diesen ersten 10 Minuten, dass wir uns heute bis auf die Knochen blamieren werden. Allerdings rechnete ich da noch mit einem hingeduselten 1:0 oder 2:0.

    Ich verstehe nicht, warum eine Mannschaft, die spätestens nach 40 Minuten merkt, dass man spielerisch nicht zum Ziel kommt, nicht einfach mal ihre individuelle Klasse in die Waagschale wirft. Ausnahmslos jeder Spieler in Königsblau hatte das Potenzial, seinen direkten Gegenspieler im Spiel 1:1 zu überwinden. Matip hat es doch vorgemacht, als er kurz vor der Halbzeit mit dem Ball am Fuß einmal quer über den Platz lief. Bereits gegen Kaiserslautern setzte es eine Niederlage, weil Schalke schlichtweg nicht realisiert hat, dass es an manchen Tagen nicht darum geht, den feinen Ball zu spielen, sondern schnörkellos auf das gegnerische Tor.

    Ich gebe dir deshalb recht, wenn du den Hauptunterschied zwischen Bayern und Schalke darin siehst, dass sie nicht konsequent genug auf das erste Tor spielen. Die Bayern schießen ihre schön herausgespielten Tore in der Regel auch erst beim Stand von 2:0 aufwärts. Vorher machen sie es ganz humorlos und trocken. Das wäre gestern auch bei uns möglich gewesen, doch die Mannschaft versuchte es auf einem anderen Weg.

    Und wenn dann in einem Spiel erst einmal so der Wurm drin ist, wie er es gestern nach allerspätestens 40 Minuten war, dann bekommt man auch nicht mehr die Kurve. Man kann durch Einwechslungen und Kabinenansprachen aus einem ordentlichen Spiel ein gutes Spiel machen oder aus einem guten ein sehr gutes. Aber aus einem komplett verkorksten Spiel machst du kein ordentliches Spiel mehr – bestenfalls ein nicht ganz so verkorkstes.

  3. Das Spiel habe ich in dieser Schwäche
    auch so erwartet. Allerdings eher als
    dünnes 1:0. Wenn nicht der Torsten
    einen speziellen Reizpunkt gesetzt hätte,
    dann wäre mein TV Abendprogramm
    auch anders ausgefallen :-)
    Was mir Sorgen macht ist die mangelnde
    Wettbewerbssituation in der Mannschaft.
    Unsere Ergänzungsspieler sind fast
    durchweg nicht in der Lage Druck auf
    die Gesetzten auszuüben. Gestern
    hat keiner Werbung für sich machen
    können. Das macht mir Sorgen.

  4. phh.

  5. […] Halbfinalteilnehmer erwartet. Sicher war nicht alles Gold, was glänzt. Vor allem das trostlose Remis gegen Larnaka war alles andere als erfreulich. Letztendlich stört das aber niemanden und trübt die […]

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