Okt 252011
 

Als Jefferson Farfan im Spiel bei Leverkusen am eigenen Strafraum den Ball erkämpft und einen Konter eingeleitet hat, bin ich vorm Fernsehgerät aufgesprungen und habe “Lauf, Lauf” gerufen. Gedacht habe ich “Lauf, Lauf, mach’s alleine und hau ihn rein” und was macht er? Er läuft, läuft und macht die Bude ganz allein. Das war schon ein genialer Treffer eines genialen Spielers. Vielleicht des wichtigsten Feldspielers im jetzigen Team.

Und danach? Farfan dreht jubelnd ab und küsst demonstrativ das S04-Wappen. Was soll uns das sagen? Ich hege grundsätzlich die Vermutung, dass es ein krasses Mißverständnis gibt zwischen dem, was die Spieler damit ausdrücken wollen, wenn sie nach einem Tor das Wappen küssen und dem, was die Fans des jeweiligen Vereins in solch einer Situation unter dieser Geste verstehen. Als Fan denkt man: “Hurra, er ist er einer von uns, er wird mit uns alt werden und viele Titel holen“. Als Spieler meint man: “Coole Zeit gerade, geiles Tor zudem und jetzt ein Dankeschön an den Verein, der mich mit 2 Millionen pro Jahr und einer Torprämie ordentlich vergütet.” (ersetze wahlweise “2” durch eine andere Ziffer)

Das heißt, eigentlich denkt der gemeine Fan schon lange nicht mehr daran, dass der das Wappen küssende Spieler überhaupt irgendwas ernst meint, wenn er sich so verhält. Zu inflationär sind diese Szenen geworden, gefühlt gibt es wöchentlich solche Szenen von zur Schau gestellter Vereinstreue von Spielern, deren Berater schon längst multitasking-mäßig Verhandlungen mit diversen anderen Vereinen führen. “Scheißegal, wo ich demnächst unterschreibe, bis dahin mache ich die Vereinsfolklore noch mit und lasse mich abfeiern” – vielleicht ist es das, was zu der großen Geste bewegt.

Gerade bei Farfan wirkt die Szene von Sonntag aber etwas fehl am Platz. Denn die getrocknete Tinte seiner Unterschrift unter einem neuen Schalker Vertrag – das wäre es, was die Arena zum Jubeln veranlassen würde – die Kuss-Symbolik hingegen will niemand sehen, wenn gleichzeitig ein ums andere Mal Gerüchte über den Vereinswechsel aufkommen. Eine Vertragsverlängerung hätte, wenn sie gewollt wäre, längst vonstatten gehen können. Stattdessen heißt es immer wieder, Farfan hätte den ihm längst vorliegenden und ganz sicher nicht schlecht dotierten Vertrag nicht unterzeichnet. Daraus folgere ich, dass eine Verlängerung nicht gewollt ist und der zweifelsohne begnadete Spieler Farfan lieber demnächst für einen anderen Verein spielen möchte. Dann aber empfinde ich das Wappenküssen als unangemessen und peinlich.

Und natürlich lasse ich mich gerne eines besseren belehren. Dann darf er mit dem Trikot auch gerne ins Bett gehen.

 Posted by on 25. Oktober 2011 at 07:34

  11 Responses to “Wappenküsser”

  1. ich denke du hast wie immer recht mit dem was du hier schreist…ich füge hinzu das er ausergewöhlich auf der schalker-homepage gefeiert wird. warum ich das sage ist doch klar.
    ein spieler der seine vertragsverlängerung rauszieht,möchte entwerder mehr geld bzw andere konditionen oder er möchte nicht bei diesem verein bleiben. der verein weiss das auch das jetzt im winter die letzte möglichkeit bestünde den spieler zu verkaufen. also geld in die kasse zu bringen .also macht man auf seiner homepage werbung… das sind leider fakten und zu dem kuss aufs wappen sage ich grosse kino herr farfan!

  2. Ich habe das Spiel in unserem Vereinsheim geschaut. Einstimmiger Kommentar der etwa 20 anwesenden Schalker und Nicht-Schalker: “Hat der grad dat Wappen geküsst?! Alles klar, der is im Winter wech!”

  3. Sehe es so, das dieses Tor nur sein Handgeld am Saisonende erhöht. Mit einem Verkauf in der Winterpause wird es wohl auch nichts…

  4. Bravo Thomas, 1904 % auf den Punkt gebracht.

    Als ich sah wie Farfan am Sonntag unser Wappen küsste hätte ich mich am liebsten erbrochen.

    Meine Zeit als Fussballromantikerin ist spätestens nach dem Abgang von “Herrn Neuer” vorbei.

    Inzwischen ist selbst mir klar geworden das es hier NUR noch ums Geschäft geht.
    Traurig aber wahr….

  5. Ich glaube, das grundlegende Mißverständnis ist hier schon richtig erkannt worden. Der Fan meint etwas anderes, wenn er “das Wappen küsst” als das, was ein Profifussballer damit meint. Deine Einschätzung, er danke für die Millionen, teile ich allerdings nicht. Für mich heisst das, “guck, das hab ich für dich gemacht” und damit eben auch für uns auf den Rängen. Dass ein Farfan oder sonstwer damit meinen könnte, er liebe den Verein für sein ganzes Leben usw, das kann doch niemand jemals ernsthaft geglaubt haben – also brauch man sich darüber auch nicht aufregen. Vielmehr kann man einem Spieler ruhig auch mal zugestehen dass er sich nicht nur für sich sondern auch für den Verein und alle, die den Verein mögen, freut, für den er gerade den Siegtreffer erzielt hat.

    • Das sehe ich ähnlich. Ein Spieler darf sich freuen und auch mal das Wappen küssen. Allerdings will ich Farfan hier jetzt mal unterstellen, dass er nicht großartig nachgedacht hat. Wenn er es getan hätte, dann wäre im sicher eingefallen, dass so eine Aktion in seiner Situation vielleicht nicht besonders sensibel ist.
      Vor allem, weil wir Schalker seit letzter Saison ja ein wenig gebrannte Kinder sind, was öffentliche Liebesbekundungen zu unserem Verein angeht.

      • eben. wieso sollte man von jemandem, der gerade so ein geiles entscheidendes Tor geschossen hat, verlangen, dass er über die Form seines Jubels erst einmal “großartig nachdenkt”? Die, die das tun, die sind für mich eher die “Verdächtigen” – also die “einstudierten Schwachsinn”-Jubler und die “Betroffenheits-Torschützen”, wenn sie gegen einen Ex-Club treffen, usw. Das sind doch die, die dem Wesen des Fußballs viel weniger entsprechen, weil sie Kalkül über Emotion stellen.

        • So kann man das auch sehen. Ich habe den “Wappenkuss” im Stadion gar nicht miterlebt. Zum Glück. Wer weiß, was ich da in meiner Bierlaune da hineininterpretiert hätte.

  6. Zum Thema Vertragsverlängerung:

    Ich gehe jetzt erstmal davon aus, dass uns Farfan am Ende der Saison verlassen wird. Diese Einschätzung treffe ich auch ein wenig aus Selbstschutz, damit die Enttäuschung am Ende nicht so groß ist.
    Eine Entscheidung bis zum Ende der Hinrunde erwarte ich eh nicht, da erst danach die Interessenten an Farfan herantreten können. Andersrum ist es genauso: Auch für uns beginnt die heiße Phase auf der Suche nach einem potentiellen Nachfolger erst zu Beginn des neuen Jahres.
    Sollte sich eine Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb (am besten CL) nach 25 Spieltagen abzeichnen, überlegt es sich Farfan auch evtl. noch ein bis zweimal, ob er ein erneutes Abenteuer in einem fremden Land eingeht. Denn wenn die Bayern schon kein Interesse haben (siehe Bildzeitung), dann wird es auf Spanien, England oder Italien hinauslaufen.

  7. Erst mal ein Lob – klasse Blog! Hat mir sehr gefallen!
    Es gibt für mich nur einen einzigen Bundesligaspieler dem ich das Wappenküssen abnehme… und das ist Lukas Podolski. Man kann über ihn sagen/denken was man will, aber er steht genau für diese (leider) selten gewordene Romantik des Herzvereins!

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