Sep 172011
 

Wir schreiben das Jahr 2012. Der Mai hat gerade erst begonnen. Genauer gesagt ist es der 6.5.2012 und es ist schon spät. Der erste Teil des Frühsommers ist vorüber, doch bei 19,04 Grad und Alkohol im Blut lässt es sich gut an mit dem kurzärmligen Schalketrikot auf dem kleinen Balkon in der Kölner Innenstadt sitzen. Ich bin erstaunt, dass ich noch vernünftig auf meiner Tastatur rumtippen kann, denn es war ein langes Wochenende.

Doch alles schön der Reihe nach: Schon seit Wochen gab es in den Sportmedien nur noch ein Thema: Der Zweikampf um die Deutsche Bundesligameisterschaft 2011/2012. Die Fans beider Teams, die da oben stehen, haben gute und schlechte Erinnerungen an dieses Duell. Der FC Bayern und der FC Schalke sind an der Spitze. Der FC Schalke hatte vor diesem ersten Samstag die Nase minimal vorn. Das Gerede vom “Meister der Herzen” findet sich in jedem Artikel meines RSS-Readers. Gerade mal ein Punkt trennten die beiden Mannschaften. Das Torverhältnis hat bei diesem Saisonfinale zum Glück keine Rolle gespielt, denn der FC Bayern hat unglaubliche 75 Treffer erzielt und gerade mal 21 Gegentore kassiert. Da konnte der FC Schalke nicht mithalten. Zwar ist das Torverhältnis positiv, Klass-Jan Huntelaar hätte mit einem Treffer in Bremen die 20 Tore Marke knacken können, doch die hohe Anzahl an Gegentreffern hätte die Meisterschale nach München gehen lassen.

Gestern traf der FC Bayern in Köln auf den gegen den Abstieg kämpfenden Effzeh. Der Relegationsplatz war für die Domstädter gerade mal einen Punkt entfernt. Therotisch hätte ein Unentschieden also gereicht. An einen Sieg glaubte vor dem Spiel keiner, denn die Kölner haben in dieser Saison noch nie zu Hause gewonnen. Schalke indes musste nach Bremen, die sich noch im Duell mit den Unaussprechlichen aus der verbotenen Stadt um den vierten Platz messen mussten, der in dieser Saison ja das Ticket für die Champions League Qualifikation bedeutete.

Ich will es gar nicht spannend machen, weil ihr es ja eh schon alle wisst: Lukas der I, Prinz von Köln, schoss den Effzeh sensationell zum Sieg. Schon mit dem ersten richtigen Angriff in der 12. Minute traf Poldi aus spitzem Winkel zum 1:0. Manuel Neuer sah da nicht gut aus. Danach rannten die Münchener immer wieder gegen ein Abwehrbollwerk an, das zwar wackelte, aber nicht fiel. Wie das Spiel in Bremen ausgeht, das habe ich schon fast wieder vergessen. Der Vollständigkeit halber: Es ging unentschieden aus. Raúl erziehlte den 1:1 Ausgleich in der 63. Minute. Auf dem Berger Feld gab es nach dem Abpfiff kein halten mehr. Die Arena, zum Public Viewing freigegeben, tobte. Menschen rannten in den Innenraum und fielen heulend auf die Knie, auch wenn der Rasen vor der Donnerhalle lag und es keine Spieler zu umarmen gab. Auch ich war gestern vor Ort, habe das Spiel von der Gegengerade aus betrachtet. Ich habe Rotz und Wasser geheult. Bereits eine viertel Stunde später war die Kurt-Schumacher-Straße komplett von hupenden Autos und siegestrunkenden Königsblauen überseht. Es ging weder vor, noch zurück. Die Rückfahrt der Spieler mit dem Bus wurde zur Triumphfahrt. Mit einem Dauerhupkonzert begleiteten die Fans den Bus bis nach Gelsenkirchen. Kurz vor Mitternacht war es endlich so weit. Benedikt Höwedes präsentiert die Schale kurz in der Arena. Danach war nur noch Party angesagt.

Bis zu meinem Elternhaus in Marl habe ich es letzte Nacht gar nicht mehr geschafft. Ein kurzes Nickerchen auf den feuchten Wiesen von Schloss Berge genügte mir (die Erkältung kündigt sich übrigens bereits an). Schließlich wartete heute der Triumphzug der Schalker Knappen durch die Stadt. Alle waren sie dabei: Huub Stevens ist gekommen. Ebenso Thomasz Waldoch, Ebbe Sand, Andreas Müller, Mike Büskens (Gratulation zum Aufstieg!) und natürlich durften auch Gerald Asamoah und Olaf Thon nicht fehlen. Sogar Rudi Assauer war da und sang, die Tränen in den Augen und den Zigarrenstummel im Mund, gemeinsam mit Clemens Tönnies über den Mythos vom Schalker Markt. Gänsehaut pur!

Nur eine Person ist nicht da: Manuel Neuer. Denn die ärmste Sau Deutschlands lebt jetzt in München. Gemeinsam mit seiner Freundin sitzt er dort allein in seiner Wohnung, in einer Stadt, in der er sich immer noch nicht so ganz zu Hause fühlt und sich im nachhinein wohl fragt, was er dort eigentlich verloren hat. Von den Fans wurde er nach jedem Gegentor stark kritisiert. Egal, ob er schuld hatte oder nicht. Auch der Verstoß gegen die Ultra-Regeln brachte Unruhe in die Mannschaft. Auch deswegen, weil Phillip Lahm seine Schnauze zu diesem Thema nicht halten konnte und sich öffentlich mit den treuesten der Treuen anlegte. Zudem kostete die Dauerdiskussion um den Ego-Spieler Arjen Robben, der das sonst so stabile Bayernkollegtiv immer wieder durch seine endlosen Dribblings auf der rechten Außenbahn störte, viele sicher geglaubte Punkte.

Manuel Neuer ist vor knapp einem Jahr ausgezogen, um mit dem FC Bayern das zu schaffen, was er mit seinem Heimatklub nicht zu schaffen glaubte: Deutscher Meister werden. Jetzt liegt sich ganz Gelsenkirchen rotzbesoffen in den Armen, alte und neue Legenden feiern gemeinsam. Das, wovon Neuer als Fan in der Nordkurve immer geträumt hatte, was auch für ihn 2001 schon zum greifen nah war, die Meisterschaft mit dem FC Schalke 04 zu feiern, das darf er nicht. Er wäre derjenige gewesen, der den Fans die Schale auf dem Rathausplatz präsentiert hätte. Als Kapitän und Nationalspieler. Natürlich würde er nun gerne dort sein, denn er ist immer noch Fan dieses Vereins. Die innere Zerissenheit konnte man ihm quasi von den Augen ablesen. Im Grunde vermisst ihn aber auch niemand, denn der Verein gegen den er sich selbst entschieden hat, ist gestern Deutscher Meister geworden: Der FC Schalke 04.

Kneif mich mal bitte jemand, denn ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich das Ganze hier nicht nur geträumt habe.

 Posted by on 17. September 2011 at 08:30

  14 Responses to “Träum ich oder wach ich?”

  1. Aufstehen :-)
    Einen blühenden Sinn für Phantasie kann man dir ja nicht absprechen.
    Hört sich alles super an. Mal sehen ob dieser Artikel ein “Deja Vu” erleben wird :D

  2. ….schöner Taum !!!

  3. Oh Gott, was würde ich dafür geben….

  4. Schöne grüsse aus Frankfurt /Main nach Köln. Echt eine super Vorstellung und ich würde sie sofort so unterschreiben. Mehr gibt es momentan nicht zu sagen auser Glück auf !

  5. Hatten wir uns nicht vorgenommen nicht mehr davon zu sprechen ? ;-)

  6. Lieber Fussballgott, sei einmal gerecht…..

  7. Und in seiner Enttäuschung fährt Neuer mit seinem Bayern-Audi ziellos durch München und wird dann zur Krönung von einer handvoll 1860-Spielern in ihren Aston Martins ausbeschleuinigt…
    Schöner Traum.

  8. Ach ja. War das schön.

    Ich habe ähnliche Träume…Ein Bettlaken hängt am Haus…
    *** Jahre sind genug. Schalke ist Meister.

    Meinen Nachbarn dürfte das freuen, er würde sich gelb und schwarz ärgern :-)

  9. Dafür würde ich mein Leben hergeben. Dafür darf Ralle Fährmann dann die Schale den Fans präsentieren. Ein Ossi und Schalker. Eine verblüffende Ähnlichkeit mit mir ;-D

    Gut Gehn Hütte04

  10. Das Problem ist: Gladbach wird Meister.
    Und hier dein Video:

  11. Sonst bin ich ja ein riesen Science-Fiction Fan, aber das ist auch mir zu unrealistisch. ;-)

  12. Das ist ja geradezu ein feuchter Traum!!! :-P

  13. […] und irgendwie versuchen wird, sein Nervenkostüm vor den laufenden Kameras anzubehalten. Ob es ein Traum bleibt, wird man sehen. .fb_iframe_widget { vertical-align: top !important; margin-left: 16px […]

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