Sep 112011
 

Was habe ich mich auf diesen Dienstag vorbereitet. Das letzte Champions-League-Spiel unserer Schalker vor diesem Tag fand -damals noch im altehrwürdigen Europapokal der Landesmeister- im Frühjahr 1959 statt, da war selbst ich noch nicht geboren. Und nun hatten wir uns erstmals seit Einführung der Champions-League für eben diese qualifiziert. Wenigstens etwas nach diesem fürchterlichen 4-Minuten-Meisterschafts-Desaster. Und als erster Heimgegner wurde uns Panathinaikos Athen zugelost. Die Rede ist natürlich vom 11.September 2001.

Schon Tage vorher wuchs die Vorfreude auf diesen Tag. Endlich konnte man im Konzert der ganz Großen mitspielen. Die Diskussionen auf der Mailinglisten drehte sich auch nur um dieses Spiel, alle freuten sich, man kritisierte den Kommerz und fand es etwas absurd, dass der Schriftzug “Philips” unter unserem Videowürfel abgeklebt werden musste, damit nicht Rechte von Sponsoren verletzt wurden. Noch am Dienstag selber studierte ich im kicker alles, was es über den Gegner zu lesen gab. Die griechische Liga war noch nicht weit fortgeschritten und so gab es nur wenig Information, die ich aber alle aufgesogen habe. Den Vormittag im Büro habe ich daher weniger mit Arbeit, denn mit Fußballstatistik verbracht. Auch die Abendplanung geisterte im Kopf herum, wie immer vor wichtigen Spielen. Wann fahre ich los? Wen treffe ich wo? Gehts vorher noch in die Kneipe und wenn ja in welche? Und ganz wichtig – früh da sein, damit ich die Stimmung des ersten Champions-League-Spiels mit allem Drum und Dran auch hinreichend mitbekomme.

Gegen Mittag musste ich dann noch raus zu einem Termin nach Duisburg. Auf dem Rückweg vom Termin über Oberhausen, dort noch etwas Lebensmittel einkaufen, dann auf die Autobahn nach Gladbeck. Um ein Telefonat zu führen, bin ich gegen 14.45 Uhr auf der Autobahnraststätte nahe Bottrop heraus gefahren. WDR 2 lief im Radio, es war “Quintessenz”-Zeit. Die Sendung wurde kurz unterbrochen für eine Meldung des Korrespondenten aus New York. Ein Flugzeug sei wohl in das World Trade Center geflogen. Man wisse noch nichts über Opfer und würde in den Nachrichten näheres berichten. Die Nachricht war noch substanzlos, weil man nicht viel hereininterpretieren konnte. In meiner Vorstellung war eine kleine Cessna oder Piper auf einem NYC-Rundflug in die Türme geflogen, eine Übung, die ich übrigens auf dem Microsoft Flight Simulator schon damals mehrfach besser gelöst habe. Ich ging also davon aus, dass dies letztlich ein Unglück war, welches wohl glimpflich ausgegangen sei. Ich schrieb auf dem Parkplatz an die damalige Freundin eine SMS; berichtete, was ich im Radio hörte und regte an, dass man mal wieder nach New York fliegen sollte. Und setzte meine Fahrt nach Gladbeck fort. Träumte aber nicht vom nächsten Amerikaurlaub, sondern vom abendlichen Spiel gegen Athen.

Noch an der Autobahnausfahrt Gladbeck dann die nächste Schalte nach New York. Wieder ein Sonderbericht. Angeblich sei noch ein Flugzeug in das World Trade Center geflogen. Und man müsse wohl davon ausgehen, dass es sich nicht um Kleinflugzeuge, sondern Passagiermaschinen gehandelt. Das war der Moment, in dem sich alles veränderte. Man musste nur eins und eins zusammenzählen, um aufgrund der wenigen Informationen zu befürchten, was dort geschah. Schnell suchte ich den Weg ins Büro, um dort sofort das Radio anzuschalten und im Internet nach Informationen zu suchen. Das Internet war jedoch im Begriff, zusammenzubrechen. Seiten wurden nicht mehr oder nur unglaublich langsam aufgebaut. Die Platzhirsche im Online-Nachrichtensegment hatten längst auf Textseiten ohne Graphiken umgestellt. Mangels Fernseher im Büro hielt ich praktisch eine Standleitung zu meiner Schwester, die mir berichtete, welche Abscheulichkeiten sich abspielten und dass das WTC gerade einstürzte. Dafür fehlte mir jegliche Vorstellungskraft. Aber auch mein inzwischen im Büro eingetroffener Kollege, selber Hobby-Pilot, berichtete mir selbiges. Seine Pilotenanalyse lautete sofort, dass es keine Flugzeugentführung im klassischen Sinne gewesen sei; Piloten hätten eine Ehre und würden so etwas nie tun – die Piloten werden umgebracht worden sein und danach müssten die Flugzeuge in die Hochhäuser gelenkt worden sein. Fußball? War nicht mehr im Kopf. Was war passiert und was folgt noch alles? Man vermisst Flugzeuge, das Pentagon brennt inzwischen auch schon, die Welt ist auf den Kopf gestellt. Angst.

Das Spiel hingegen wird stattfinden, wird von den Agenturen berichtet. Also beeile ich mich, bin bei Besprechungen mit Kunden nicht recht bei der Sache und sehe zu, dass ich nach Gelsenkirchen komme. Allerdings ist nicht die Arena mein erstes Ziel, sondern meine Gelsenkirchener Verwandtschaft, um bewegte Bilder im Fernsehen zu sehen. Die, die heute jeder kennt. Explodierende Flugzeuge, verzweifelt aus Hochhäusern in den sicheren Tod springende Menschen, einstürzende Wahrzeichen. Im Videotext heisst es: Das Spiel findet statt.

Ich hatte keine Lust auf Fußball, mache mich aber trotzdem kurz vor Anpfiff auf zur Arena. Wer weiss, vielleicht findet es doch nicht statt. Aber doch – der Wachdienst Bremen, eingekleidet in UEFA-Westen mit der Aufschrift “Steward” regelt die Anreise vor der Arena, es findet also wirklich statt. Im Stadion ist alles anders. Alles. Auf den Bildschirmen läuft nicht das Bild von der Arena, sondern die Sonderberichte der Tagesschau. Trauben stehen vor den Monitoren. Drinnen ist kein Aufwärmprogramm, auch DJ Dirk zieht nicht sein Programm durch. Es läuft klassische Musik und es gibt weder Anmoderationen noch Werbung. Eine gespenstische Stimmung, man wünscht sich, dieses Spiel würde nicht stattfinden. Während der Partie gibt es keinerlei fußballtypische Emotionen, letztlich war allen dieses Spiel egal. Die Sorge um das, was jetzt weltpolitisch geschah, lag greifbar in der Luft. In meiner Vorstellung waren Flugzeuge, die in die Arena fliegen könnten. Viel einfacher könnte man nicht mehr Menschen auslöschen.

Das Spiel fand statt und ging verloren. Ich weiß zwar noch das Ergebnis, kann mich an den Spielverlauf nicht mehr erinnern. Will ich auch gar nicht mehr. Auf dem Rückweg zum Auto textete ich mit Freundin und Freunden über die Ereignisse und wir stellten uns Fragen, die wir nicht beantworten konnten. Als ich vor meiner damaligen Wohnung um vielleicht halb Zwölf ankam, war es so gespenstisch ruhig wie gefühlt noch nie. Und Schalke war so unwichtig wie nie.

 Posted by on 11. September 2011 at 08:04

  7 Responses to “We will never forget”

  1. Dieser Tag hat die Welt verändert, sicher. Es war eine Katastrophe, klar. Man sollte sich aber mal bewusst machen, dass es zuvor und seitdem zig größere Tragödien gegeben hat. Damit meine ich nicht (nur) die Naturkatastrophen. ZB in Afrika werden in den Bürgerkriegsregionen dauerhaft Massaker veranstaltet. So richtig interessiert das niemanden. Aber 9/11 eignet sich auch heute noch für einen schönen jährlichen Medienhype. Man darf sich ja gerne erinnern und trauern. Aber das das Ganze gegenüber vergleichbar schlimmen Ereignissen so dermaßen in den Vordergrund gestellt wird, das gefällt mir nicht und wird der Sache auch nicht gerecht…

  2. Kann mich sehr gut in Deinem Bericht wiederfinden. Und auch heute noch wird mir anders, wenn ich z.B. “nur” sowas wie Deinen Bericht lese.

    Trotzdem muss man Henning sicherlich auch Recht geben, dass andere Katastrophen und Tragödien anscheinend “nicht so medienwirksam” sind wie 9/11…

  3. Natürlich gab es noch größere Katastrophen als diese. Kriege oder Völkermorde wie in Ruanda kosteten ein Vielfaches an Menschenleben und es wurde so viel weniger darüber berichtet. Ganz klar. Und dennoch bin auch ich Medienkonsument und war -vielleicht gerade deshalb- von diesem Tag, auf den ich mich gerade schalkemäßig so gefreut hatte, schlicht schockiert. Man sollte sowieso kein Katastrophenranking betreiben, aber dieser Tag hat mir damals massiv Sorgen bereitet.

  4. “aber dieser Tag hat mir damals massiv Sorgen bereitet.”

    Mir auch, aber vor allem, weil ich die Welt am Rande eines dritten Weltkrieges, diesmal in Form des Glaubenskrieges sah. Und wenn man ehrlich ist, dann ist es auch so gekommen. In Deutschland haben wir nur nicht direkt etwas abbekommen. Aber indirekt wirkt es sich noch heute bei uns aus. Die wirtschaftliche Schwäche der USA kommt ja nicht zuletzt durch die massive Überschuldung wegen Kriegskosten. Und es ist noch nicht vorbei…

    Das “Besondere” an 9/11 ist einfach, dass der “Krieg” mal auf dem Territorium der Weststaaten angekommen ist. Da ist man natürlich gleich geschockt. Jedenfalls mehr, als wenn man die Massaker in Afrika zwei Minuten in der Tagesschau sieht, bevor “Wetten dass…” anfängt und man sich gerade ein schönes Veltins reinzieht!

  5. Die UEFA hätte das Spiel absagen müssen. Schon alleine wegen des Sicherheitaspektes. Ob wir das Spiel an einem anderen Tag oder ohne die Ereignisse davor gewonnen hätten, kann ich nicht sagen.

  6. Es gibt Tage, die verändern die ganze Welt.
    Tage an denen man weiss das nichts mehr so sein wird wie es vorher war.
    Tage an denen man erkennt wie unwichtig die Dinge sind nach denen wir unser Leben ausrichten, wie zum Beispiel Fußball.

    Fußball gehört zu unserem Leben, doch gibt es Tage an denen es nichts unwichtigeres als den Ball und seinen grünen Rasen gibt.

    Glück auf!

  7. ich wusste gar nicht mehr dass das spiel am gleichen tag war…

    aber wo er von der nachricht erfahren hat, weiß wohl jeder noch… ich habs im radio gehört als ich mit meinem bruder lego gespielt hab…^^

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