Jun 012011
 

Da ist es nun schon wieder über eine Woche her, das Pokalfinale. „Die Krönung der Saison“, diese Bezeichnung würde es von mir nicht erhalten. Eher schon die Überschrift „Dat ich dat noch erleben durfte.“ Von der Saison zuvor war ich so dermassen angep…, pardon, enttäuscht, dass das sich Pokalfieber erst im Laufe der Woche entwickelte. Aber es kam gewaltig. Auf das Pokalfieber ist eben Verlass. Denn wie immer war es eine grandiose Zeit mit der Schalker Familie. Diesmal allerdings trotzdem ein wenig anders, denn mein Auftrag lautete nicht nur „Bier trinken, Freunde treffen, Fußball gucken“. Er wurde erweitert durch die Teilnahme an dem twitter-Projekt „@finaleS04“. Die regelmäßigen Schalke-Blogleser wissen, wovon die Rede ist, deshalb will ich es gar nicht weiter en detail erläutern – jedenfalls war ich einer der zwölf Glücklichen, die diesem Projekt Leben einhauchen durften. Ich für meinen Teil durfte also meine Perspektive schildern, die da eine aus der Sicht desjenigen war, der auf gut Glück nach Berlin gefahren war, ohne im Besitz von Tickets zu sein. Aber der liebe Fußballgott zwitscherte uns noch während der Zugfahrt nach Berlin ein paar Tickets zu, so dass einem entspannten Wochenende nichts mehr im Wege stehen sollte.

Als Schalker ist man ja in gewisser Weise zum Pokalfinal-Routinier geworden. Vier Pokalfinalteilnahmen und drei Siege in elf Jahren sind eine Bilanz, die sich sehen lassen kann. Wie immer war die ganze Stadt rappelvoller Königsblauer; schon seit Donnerstag konnte man die Sogwirkung des Finales spüren. Gleich wo man in der Stadt unterwegs war – auf Bahnhöfen, Gedenkstätten, Kneipen, Museen – erkannte man Königsblau. Wie in jedem Jahr (mit Ausnahme derer, an denen wir uns nicht für das Endspiel qualifizierten) traf sich der Schalker Pulk am Spieltag selbst im alten West-Berlin um die Gedächtniskirche herum. Hier muss ich sagen, fühlte ich mich nicht wirklich wohl. Obwohl die Fläche um die kaputte Kirche herum ausreichend groß ist – für die Schalker Massen definitiv nicht gross genug. Und so kämpfte man gegen die Platzangst, die Taschendiebe und Mengen von inzwischen schwer alkoholisierten Tagesfahrern an. So nervig es auf dem Platz dann auch war, eines meiner persönlichen Highlights des Wochenendes ereignete sich just hier: Mehr oder weniger ungeplant traf sich hier der Teil der finaleS04-twitterer, die mit nach Berlin gefahren sind. Und –das nun wirklich ungeplant- während dieses Aufeinandertreffens von Personen, die sich teils schon kannten, teils aber allenfalls von kurzen Telefonaten voneindaner wussten, lief die Handykamera des Blogger-Kollegens Tobias Weckenbrock – ein Video, bei dem ich mich noch heute nach mehrfachem Anschauen köstlich amüsiere.

Auf dem Weg zum Stadion die ersten Turbulenzen – während die Duisburger die S-Bahn zum Olympiastadion nehmen durften, wurden die Schalker in die U-Bahn gelotst. Die U-Bahn war aber aufgrund eines Idiots, der die Scheiben in einer der Bahnen einschlug, nicht wirklich fahrbereit. Das wiederum führte zu heftigen Auseinandersetzungen rund um den U-Bahn-Einstieg und brachte den Taxifahrern am Bahnhof Zoo Einnahmen wie an Silvester.

Vor dem Spiel gefiel mir die Stadionregie des Olympiastadions relativ gut. Beide Fanlager durften sich ausreichend mit einer Choreo, einer Hymne nach Wahl und einem Einspielfilmchen präsentieren. DFB-Lobhudeleien hielten sich in erträglichen Grenzen. Einzig das Catering-Angebot des Berliner Olympiastadions ist wie eh und je eine einzige Katastrophe – die paar Bierbuden sind dem Ansturm in keinster Weise gewachsen gewesen. Aber was mecker ich, denn das ist eine alljährliche und ganz sicher keine neue Berlin-Erfahrung.

Das Spiel hat jeder hier gesehen, da spare ich mir die Worte – Anerkennung fordert meines Erachtens nach der Duisburger Support. Obwohl in der Anzahl deutlich weniger, gab es streckenweise sowohl optisch als auch akustisch eine sehr würdige Unterstützung und das selbst nach dem fünften Gegentor. Hut ab!

Bei mir setzte das Aufatmen im Übrigen nach unserem zweiten Tor ein. Vorher war ich durchaus skeptisch, denn im Prinzip galt das Spielmotto „Blamieren oder Kassieren“. Und noch mal danke ich dem Fußballgott in diesem Blogbeitrag; diesmal dafür, dass es weder eine Niederlage setzte noch einen dreckigen, viel zu knappen und unverdienten Sieg.

Was die Stadionregie vor dem Spiel noch gut gemacht hat, vergeigte sie direkt nach dem Abpfiff. Was um alles in der Welt war die Sinngebung dafür, mit dem Abpfiff „Barbara Streisand“ in eine Lautstärke einzuspielen, die manchem Berliner Club schon zuviel wäre? Wo bitte ist der Fußballbezug? Mit diesem Gespür für Musikauswahl (warum überhaupt die feiernden Zuschauer übertönen?) ging es dann bis zur Siegerehrung weiter. Ob die Pfiffe dann Manuel Neuer galten, als er vom Stadionsprecher als Kapitän vorgestellt wurde, kann ich nicht beurteilen – jedenfalls gab es welche.

Danach war Party auf dem Rasen angesagt – mit Senor Raul in der Hauptrolle als pubertierender A-Jugend-Absolvent. Was ist das nur bitte für ein großartiger Typ? Mir fällt es schwer, die Faszination des Raul in Worte zu fassen. Die definitiv beste Tat des Managers Magath auf Schalke war es, Raul zu verpflichten. Als wenn er noch nie einen Titel errungen hätte (neben all seinen Erfolgen war es tatsächlich sein erster Vereinspokal), feierte er, als gäbe es kein Morgen mehr. Ein so brillanter Typ, so freundlich, so fair, so genial, so authentisch und das alles mit seiner erfolgsverwöhnten Vita – so etwas kann man sich nicht mal ausdenken.

Bezeichnend, dass sich jeder einzelne Schalker Spieler mit dem Pokal vor der Fankurve feiern liess. Bezeichnend, dass sich hier klare Feiertypen herauskristallisierten, insbesondere der genannte Raul, aber auch Farfan, Papadopulous oder sogar Uchida. Und besonders bezeichnend, dass Manuel Neuer sich nicht getraut hat, es allen andern gleich zu machen. Vielmehr bezeichnend, dass Raul sich seiner annahm und ihn vor gefürchteten Unmutsbekundungen „beschützte“. Traurig, dass es soweit gekommen ist, dass der einstige „Held“ bei seinem ersten Titel „seiner“ Schalker nicht richtig feiern kann. Seine Körpersprache rund um die Feierlichkeiten sprach Bände. Er wirkte vollkommen unbefreit und verkrampft. Allein mir fehlt das Mitleid. Dafür verbessert er sich ja nun sportlich. Scheint wichtiger zu sein, als mit seinesgleichen Erfolge anzustreben. Jeder, wie er mag.

Alles in allem war es der schon lieb gewonnene Pokalsiegerabend in Berlin. Ich will hoffen, dass noch weitere folgen. Schon am 11. Juni ist die Auslosung für die erste Runde in der neuen Saison, die Ende Juli ausgespielt wird. Dieses Jahr hat gezeigt, dass wir auch schwerste Lose nicht zu fürchten brauchen. Alle Pokalverteidiger, sei es in der Champions League oder im DFB-Pokal, haben wir auswärts weggehauen. Ich beantrage hiermit eine Fortsetzung dieser Pokal-Erfolgsgeschichte und einen Neuaufbau im Übrigen!

 Posted by on 1. Juni 2011 at 07:44

  2 Responses to “Berlin, Berlin”

  1. Wieder mal ein super Beitrag! Freue mich in der kommenden Saison hier wieder von Dir/euch zu lesen! Ein dickes Lob von einem blau weissen blogundweiss Fan!!!!
    Erholt euch gut im Sommer! Vielleicht schreibt ihr ja auch was zum ergo Doppelpack! Würde mich freuen! Ansonsten eine tolle Sommerpause euch! Ich komme wieder her !

    Lg massame

  2. “Traurig, dass es soweit gekommen ist, dass der einstige „Held“ bei seinem ersten Titel „seiner“ Schalker nicht richtig feiern kann. Seine Körpersprache rund um die Feierlichkeiten sprach Bände. Er wirkte vollkommen unbefreit und verkrampft. Allein mir fehlt das Mitleid. Dafür verbessert er sich ja nun sportlich. Scheint wichtiger zu sein, als mit seinesgleichen Erfolge anzustreben. Jeder, wie er mag.”

    Ja, einfach nur traurig, aber wie Du schon sagst, dafür verbessert er sich ja nun sportlich…
    …mal schauen, was er davon haben wird.

 Leave a Reply

(erforderlich)

(erforderlich)

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>