Mrz 282011
 
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Facebook und Fußball. Das wächst nicht erst seit Felix Magath unweigerlich zusammen. Über dieses Thema habe ich mich in den vergangenen Wochen mit Raphael Brinkert auseinander gesetzt. Der gebürtige Halterner ist Sportmarketing- und Social Media-Experte. Zudem ist er Schalker mit Haut und Haar. Brinkert hat vor einigen Monaten die inoffizielle Fanseite des FC Schalke 04 ins Leben gerufen, die mittlerweile über 185.000 Fans hat.

Hallo Raphael. Wie kam es zu der Idee, eine Facebook Fanpage über den FC Schalke zu erstellen und wer ist daran beteiligt?

Die Idee, eine Seite für den Verein zu machen entstand im Herbst 2010. Zu meiner Verwunderung hatte sich der damalige Kommunikations-Chef des Vereins öffentlich geäußert, dass der FC Schalke 04 kein Interesse an einer eigenen Facebook-Seite habe. Beteiligt daran sind derzeit noch zwei weitere Personen, die einen IT- und Grafikdesign-Background haben und ebenfalls mit der Region und Schalke verbunden sind.

Habt ihr euch für das Betreiben der Fanpage ein bestimmtes Konzept überlegt oder habt ihr die Entwicklung abgewartet?

Selbstverständlich haben wir unsere Erkenntnisse einfließen lassen. Bei mir zählen dazu Marketing-Arbeiten für die DFL und den HSV sowie Social Media Kenntnisse bei der Entwicklung von Werbekampagnen für Unternehmen wie Vodafone. Für den FC Schalke 04 eine Facebook-Seite zu entwickeln ist jedoch, wie mein Engagement für den TuS Haltern, eine Herzensangelegenheit.

Eine der wichtigsten Maßnahmen der Fanpage ist die Spielbericht-Erstattung. Hinzu kommen Anekdoten, Fan-Infos, Youtube-Videos und Pressemitteilungen. Relativ neu sind unsere “Schalke News“, die jeden Tag um 8 Uhr veröffentlicht werden und sich aus den twitter-Meldungen und Medien-Berichten der letzten 24 Stunden generieren.

Einer der meist kommentierten Posts auf unserer Facebook-Fanpage ist übrigens die Tabelle. Der Grund: Die konsequente Nichtberücksichtigung von Platz 1, seitdem dort ein Verein aus der Nähe von Lüdenscheid zu finden ist.

Wie viel Zeit kostet Euch das Pflegen der Seite pro Tag?

Die genaue Zeit ist schwer abzuschätzen und auch abhängig davon, wie viel Zeit uns zur Verfügung steht. An Spieltagen und an Wochenende ist der Bedarf natürlich viel größer als an spielfreien Tagen.

Hattest du jemals Kontakt mit Verantwortlichen des Vereins über die Ausrichtung der Seite? Wenn ja, mit wem?

Wir hatten mit der Presse-Abteilung Kontakt zwecks Übergabe der Unterschriftenlisten aus unserer Facebook-Aktion “Wir für Manu“. Bei der Online-Petition wurden innerhalb von 3 Wochen 31.214 Unterschriften gesammelt. In diesem Zusammenhang hatten wir auch Kontakt zu Rolf Dittrich, der uns anrief, als sich Felix Magath bei Facebook anmeldete.

Darüber hinaus bestehen erste Kontakte zum Fanbeauftragten Rolf Rojek und unserem Stadionsprecher Dirk Oberschulte-Beckmann. Gespräche zu vielen weiteren organisierten und nichtorganisierten Schalkern gibt es natürlich schon immer.

Was hältst du vom Auftritt des Felix Magath auf Facebook? Vergleicht man den Verlauf der Fans, hatte Magath am Ende mehr Sympathisanten als Schalke und liegt jetzt immer noch vorne. Durch die öffentliche Wahrnehmung in den Medien bekommt man den Eindruck, dass solche Zahlen auf einmal irgendwie wichtig sind. Wie bewertest du diese Zahlen und was werden sie in Zukunft Wert sein?

Felix Magath betrat mit der Aktion für einen Trainer Neuland. Dafür wurde er von vielen Facebook-Usern und den Medien belohnt. Bei vielen online Fans dürfte es sich jedoch nicht zwangsläufig immer um Schalker gehandelt haben, da es viele Interessierte gab, die einfach sehen wollten, wie Felix Magath diese Plattform nutzt und wie regelmäßig er sich dem Dialog mit den Fans stellt.

Aus Marketing-Sicht gewinnen die Zahlen immer mehr an Relevanz, da der Dialog über Facebook die günstigste Möglichkeit ist, mit Mitgliedern und Fans zu kommunizieren. Es besteht die einzigartige Möglichkeit, Fans aus aller Welt aktiv am Vereinsleben teilhaben zu lassen. Fan-Nähe hat nicht mehr automatisch etwas mit geographischer Nähe zu tun.

Was hältst du persönlich von der Trennung von Felix Magath und wie stehst du zum neuen Trainer Ralf Rangnick?

Die Trennung von Felix Magath war, wenn man alle Seiten gehört hat, unvermeidlich. Unglücklich und sprachlos war ich jedoch über das Timing und die Öffentlichkeitsarbeit. Ralf Rangnick ist für mich die Beste aller verfügbaren Optionen gewesen. Er kennt den Verein, er kann mit den Fans und er hat bewiesen, dass er aus dem ihm zur Verfügung stehenden Kader oftmals das Beste rausholt. Ich bin glücklich, dass es Horst Heldt und Peter Peters trotz der Unruhen gelungen ist, Ralf Rangnick ein zweites Mal für den FC Schalke 04 zu gewinnen.

Am Tag des CL-Achtelfinal Rückspiels gegen Valencia kam es auf der Facebook Seite zu einer massiven Bewegung “Pro Magath”, die auch von den Admins der Seite geschürt wurde. Ein paar Tage später wurde der ehemalige Pressesprecher Rolf Dittrich gekündigt, da er im Internet angeblich Stimmung gegen den Verein und für Magath verbreitet hat. Gibt es zwischen diesen Ereignissen eine Verbindung? Hat Dittrich die Seite benutzt, um die Fans auf Magaths Seite zu ziehen?

Durch den unverhofften Einzug ins DFB-Pokalfinale gab es eine Pro-Magath-Stimmung im Netz. Diese machte sich auch auf unserer Seite bemerkbar und hatte ihren emotionalen Höhepunkt an dem Tag des Champions-League Spiels und der Veröffentlichung der bevorstehenden Magath-Entlassung in der WAZ.

Wir sind davon ausgegangen, dass die Pro-Magath-Shirts eine von Vereinsvertretern tolerierte Aktion von Fans ist. Aus diesem Grund haben wir die Aktion veröffentlicht. Gleichzeitig aber auch mitgeteilt, dass wir offen für Gegenstimmen sind und uns über eine kritische Auseinandersetzung freuen. Nur drei Stunden nach der Ankündigung haben sich die Urheber abermals an uns gewendet und uns informiert, dass die Aktion seitens des Vereins gestoppt wurde. In dem Moment wurde uns klar, dass es im Verein unüberbrückbare Differenzen zwischen einzelnen Personen gibt.

Facebook-Gruppen wie “Tönnies raus”  haben wir zu jedem Zeitpunkt den Zugriff auf die Fanpage gesperrt und üble Beleidigungen, wie immer, gelöscht. Dass die Situation erst gar nicht hätte eskalieren müssen, dürfte jedem klar sein. Die Gründe dafür bei einem Facebook-Auftritt zu suchen, würde aber von den eigentlichen Fragen ablenken: Wie kann es sein, dass Interna an die Öffentlichkeit gelangen? Und warum äußert sich nicht frühzeitig ein offizieller Vereinsvertreter, um die Situation zu entschärfen?

Wie eine ähnliche Situation souverän gelöst werden kann, zeigte parallel der FC Bayern mit der Bekanntgabe der Trennung von Louis van Gaal zum Saisonende. Diesem Anspruch an Professionalität muss auch der FC Schalke 04 gerecht werden.

Würdest du, sollte der Verein dies wünschen, die Seite abgeben, um dem Club die Möglichkeit zu geben, sich selbst auf Facebook zu präsentieren?

Selbstverständlich kann der Verein jederzeit eine eigene Gruppe ins Leben rufen. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich in den kommenden Wochen die Möglichkeit für einen Austausch mit dem Verein ergibt und wir ergebnisoffen diskutieren, wie und in welcher Form sich die Seite weiterentwickeln wird.

Wie viel Potenzial steckt im Social Media Bereich für die Bundesligisten?

Sehr viel. Es ist die einfachste und günstigste Möglichkeit, mit hunderttausenden von Fans in den Dialog zu treten, mit Ihnen zu kommunizieren, sie zu unterhalten und sie damit langfristig für den Club zu begeistern.

Betrachtet man die Ereignisse der letzten Wochen auf Schalke, dann spielt Facebook keine unbedeutende Rolle. Vor allem der Auftritt von Felix Magath auf Facebook schlug hohe Wellen. Hier ging es sogar so weit, dass der blaue Facebook Daumen das Stadionbild beeinflusst hat. Was glaubst du, welche Rolle Social Media im Allgemeinen und Facebook im Besonderen in der Fankultur spielen wird?

Facebook, Twitter, Blogs &  Co. werden Normalität. Einzig die letzten Wochen waren nicht normal. In diesen Ausnahmesituationen sucht der Fan Transparenz. Wenn er diese nicht erhält, wird es unruhig. Im Stadion und seit kurzer Zeit auch im Netz.

So wäre es für uns einfach gewesen, eine Mitgliederversammlung durchzusetzen oder die geplanten Fan-Demos massiv zu unterstützen. Dass wir von dieser Möglichkeit nicht Gebrauch gemacht haben, zeigt, dass wir uns der Verantwortung bewusst waren.

Für die Zukunft muss der Verein on- und offline den Dialog zu den Fans suchen – auch über die organisierten Dach-Verbände hinaus. Andernfalls wird es nicht gelingen, die große Mehrheit der nichtorganisierten Fans zu Stammkunden zu machen – die, die Eintrittskarten und Merchandise-Artikel kaufen und für Sponsoren immens wichtig sind. Um nur zwei Zahlen zu nennen: Laut der letzten Sport + Markt Studie finden 3-5 Mio. Deutsche den FC Schalke sympathisch. Dem stehen rund 93.000 Mitglieder gegenüber.

Neben dem großen Facebook gibt es noch andere Web 2.0 Medien, die beim Thema Fußball eine Rolle spielen. Für Schalke zücken zur Zeit knapp acht Blogger mehr oder weniger regelmäßig die virtuelle Feder. Es existiert ein Sportbloggernetzwerk, in dem versucht wird, durch Diskussionen und gegenseitige Hilfe einen Platz zwischen den Facebook- und Twitter-Massen und den etablierten Medien zu finden. Wie siehst du die Entwicklung in der Bloggerszene auch im Vergleich zum traditionellen Journalismus?

Die Qualität einzelner Blogs ist in der Tat beeindruckend. Sie zeigt auf, dass das alte Sender- und Empfänger-Prinzip nicht mehr funktioniert und jeder mit Hilfe der Technologie selbst zum Medium werden kann. Dass die Qualität von Wikipedia-Beiträgen inzwischen höher ist und weniger Fehler aufweist, als der Brockhaus, ist das eine. Dass das Internet inzwischen Regierungen stürzt, ein anderes. Diese Zeit ist spannend. Für uns alle.

Für einen Ruhrgebiets-Verein wie dem FC Schalke 04 bedeutet es, dass es nicht um Personen oder Pro und Contra geht, sondern um Werte, die tief im Inneren mit dem Verein verankert sind. In einer Region, in der der Fußball mehr als 90 Minuten Unterhaltung ist. Hier muss man ansetzen und auf Basis dieser starken Wurzeln eine Leitidee für die nächsten Jahre entwickeln.

Mit den jüngsten Veränderungen in der Vereinsspitze wurden Voraussetzungen für ein Miteinander geschaffen. Darauf sollten wir aufbauen und die nächsten Schritte gemeinsam gehen. Für eine wirtschaftlich solide, sportlich ambitionierte und kommunikativ ehrliche Zusammenarbeit.

Denn vor den Fans sollte man insbesondere im Pott keinen Bammel haben.

Vielen Dank für das Interview!

Foto: Andy Woo

 Posted by on 28. März 2011 at 12:00

  6 Responses to ““Gerade im digitalen Zeitalter muss es um Werte wie Transparenz gehen.””

  1. […] "Gerade im digitalen Zeitalter muss es um Werte wie Transparenz gehen" BlogundWeiss hat den Betreiber der Schalke-Seite bei Facebook interviewt. Es geht um Fußball im Social Web, Felix Magath und was der Verein zu der Seite sagt. “Suppa!” Doch nicht […]

  2. […] negative Kritik immer lauter ist, als positive. Hier wäre eventuell auch die Facebook Fanpage (Interview mit dem Initiator Raphael Brinkert) eine geeignete Plattform gewesen, um die Irritationen zum Artikel aus dem Weg zu räumen. Hoffen […]

  3. […] Die Facebook-Seite bezeichnet sich selbst daher auch als „größte Nordkurve der Welt“. Im Interview mit blogundweiss.de beschreibt Brinkert was auf der Seite konkret passiert: „Eine der wichtigsten Maßnahmen der […]

  4. […] bei Jung von Matt/Fleet, Mitte 2010 selbst die digitale Nordkurve. Für Brinkert eine Herzensangelegenheit. Im Management auf Schalke selbst hieß es damals so ungefähr über Facebook: Ne, lass ma, muss […]

  5. […] wertlos sein, denn nun hat Schalke eine Facebook Seite mit über 300.000 “Fans”. Raphael Brinkert hat uns schon nach dem Magath Wechsel und den danach aufkommenden Irritationen ein … Hier nun ein kurzer Wortwechsel über die Beweggründe der […]

  6. […] blogundweiss.de erläutert mit Raphael Brinkert, einer der Betreiber und Gründer der Seite, wie es zu der Idee kam […]

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