Feb 222011
 

Ein Gastbeitrag von Thomas Wings:

Valencia ist immer eine Reise wert. So viel steht schon einmal fest. Den historischen Auftritt im goldenen Fußballjahr 1997 habe ich noch in präsenter, allerbester Erinnerung. Ich würde behaupten, dass ich europäisch und national schon zu einer Menge Auswärtspartien mitgereist bin. Wenn ich gefragt werde, ob es eine Lieblings-Auswärtstour gibt, dann fällt die Antwort ganz klar aus: Valencia 1997. Damals stimmte einfach alles: Aus den Underdogs, die man noch wenige Jahre zuvor in Solingen, Schweinfurth und Bayreuth beobachten konnte, entpuppten sich so langsam die Eurofighter. Entsprechend euphorisch kamen die Schalker in die Fallas, dem frühjährlichen Valencianer Stadtfest mit seiner 24/7-Party. Einfach unbeschreiblich.

Dann folgte im Jahr 2007 das nächste Aufeinandertreffen, bei dem ich leider nicht dabei sein konnte.

Um so mehr freute ich mich auf ein Wiedersehen mit meiner Auswärtstourliebe und um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Enttäuscht wurde ich auch diesmal nicht. Sieht man mal davon ab, dass die Fallas erst im kommenden Monat stattfinden und unsere Europafahrten nun seit Jahren zum S04 gehören, konnte die Stadt und ihre Bevölkerung wie in 1997 abermals zu einer gelungenen Fahrt beitragen. Valencia kann getrost als das Gegenteil von Wolfsburg bezeichnet werden; es besticht durch eine wunderbare Altstadt voller heimeliger Bars und Restaurants, die bereits von Sonntag an durch die immer zahlreicher anwesenden Schalker bevölkert wurden. Die Stadt bietet schon dadurch den würdigen Rahmen eines Gastauftritts unserer Mannschaft.

Nicht nur für die spanischen Medien stand das Spiel jedoch unter einem ganz besonderen Vorzeichen: Der Raulmania. Denn je mehr der Anstoss entgegenrückte, desto mehr wunderte man sich über eine besondere Spezies von Trägern blau-weißer Devotionalien: Den spanisch sprechenden.  Bereits beim Abschlußtraining mischten sich reichlich Spanier in das jubelnde Publikum, darunter nicht gerade eine Minderheit an weiblichen Fans. Raul war ihr Anlass, scheinbar aus vielen Teilen Spaniens anzureisen, um einen Blick auf oder gar eine Berührung ihres fussballerischen Nationalheldens zu ergattern. Es fällt einem schwer, Vergleiche zu ziehen zu einem hiesigen Fussballer, der eine ähnliche Anziehungskraft besaß oder besitzt. Vergleiche zu Beckenbauer, Ballack oder erst recht Matthäus hinken – niemand von den genannten besitzt ein ähnliches Charisma und ein solches Standing im eigenen Land. Raul, der sich laut spanischer Medien auf Mestalla freute, weil er dort schon immer traf, war der Hype um ihn sichtbar unangenehm. So versuchte er konsequenterweise, nach dem Abschlusstraining den Mannschaftsbus als letzter Spieler im Sauseschritt zu besteigen, während alle anderen artig Autogramme gaben und für Fotos posierten. Den Sicherheitskräften gelang es aber trotzdem nicht, eine hartnäckige Verehrerin aufzuhalten, die sich in eine Spanienflagge gehüllt mit voller Wucht an der Security vorbei auf Raul stürzte. Erst danach durfte er von dannen ziehen.

Beruhigt hat mich der Umstand, dass auch –wenn auch in einem deutlich geringerem Ausmass- Herr Jurado von den Spaniern gefeiert wurde. Beruhigt bin ich deswegen, weil ich ein wenig die Befürchtung hatte, dass ihn in Spanien gar niemand kennt und die kolportierten 13 Millionen € Ablösesumme für einen Nobody ausgegeben wurden. Glück gehabt.

Am Spieltag selbst hat dann die Raulmania zunächst ihr Ende gehabt. Die Spanier wussten nicht, ob sie ihn feiern oder sich ärgern sollten, dass er seine Tore gegen ein spanisches Team schießt. In diesen wieder mal von den Boulevardmedien aufgeworfenen Fragen steckte für mich ein wenig zu viel Nationalbewusstsein, aber was solls: Die Pfiffe des Publikums, die ihm nun bei jeder Ballberührung galten, münzte er bekanntlich in den so wertvollen Ausgleich um. So soll es sein.

Und so nahm eine schöne Reise dann auch fussballerisch noch ein gutes Ende. Ein kleiner Wermutstropfen war für mich vor, während und nach dem Spiel das martialische Auftreten der spanischen Nationalpolizei, welches völlig unangemessen war und zu dem ich im Blog www.schalkefan.de ein kleines Interview gegeben habe.

Aber auch das tat dem positiven Ergebnis keinen Abbruch. Ich stelle also fest, dass meine zweite Begleitung einer Schalker Mannschaft nach Valencia wieder zu einem erfreulichen 1-1 geführt hat. Weiterhin stelle ich fest, dass nach dem letzten 1-1 der Sieger des Europapokals aus Gelsenkirchen stammte.

Das passt schon.

Thomas Wings ist ebenso leidenschaftlicher Strafverteidiger wie Schalke-Fan. Seine tollsten Geschichten von der Anklagebank lassen sich seit kurzem auf seinem Blog Höchststrafe? nachlesen. Natürlich solltest du Thomas auch auf Twitter folgen.

 Posted by on 22. Februar 2011 at 08:04

  2 Responses to “Valencia ist nicht Wolfsburg”

  1. Schade, das ich nicht dabei sein durfte, wenn man das so hört…

  2. […] in Zukunft auch noch …Schon vor ein paar Monaten hat Thomas Wings hier auf blogundweiss.de einen Reisebericht über die Auswärtsfahrt in Valencia verfasst. Heute ist er wieder zu Gast und gibt seinen Senf zum Thema Manuel Neuer dazu. Hier und […]

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